Ich bete einfach mit
Ich entschliesse mich dafür, einfach mit meiner Familie zu beten. Es wird mich schon nicht umbringen.
Ich wasch mich und nehm ein Kopftuch, ziehe es mir an und rolle meinen Teppich neben denen der anderen aus.
Dann schliessen sie ihre Augen, fangen an für sich zu murmeln und knien sich mehrfach hin und stehen dann wieder auf.
Als ich ein Kind war, dachte ich immer, ich würde etwas falsch machen oder das Allah nicht mit mir reden wollte. Um ehrlich zu sein, meistens hab ich mich gelangweilt und mich meiner Fantasie hingegeben.
Was bei den Sonntagsbesuchen in der Kirche, den Gebeten vor dem Abendessen oder dem schlafen gehen nicht anders war. Bis auf die Tatsache, dass ich jemand anderem die ganze Zeit zuhören muss und anscheinend zu einem anderen Gott bete.
Nach einiger Zeit sind sie endlich fertig und rollen ihre Teppiche ein. Es ist genauso langweilig, wie ich es in Erinnerung hatte.
Nach dem Beten ist es Zeit zu Essen. Meine Tanti kommt mit einer riesigen Schüssel voller Essen ins Wohnzimmer. Auf dem Berg von Reis liegt ein Hühnchen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um das Hähnchen handelt, dessen Tod ich heute zum Frühstück sehen durfte. Desto länger ich darüber nachdenke, desto schlechter wird mir. Während ich in meinen Gedanken versunken bin, fangen alle an zu essen.
Meine Tanti reisst mich aus meiner Gedankenwelt und sagt ich solle essen. Ich schaue das Hühnchen mitleidig an und sie fängt an zu lachen.
Lächelnd schaut sie mich an und sagt ”Fatu, du hast schon so oft Hähnchen gegessen. Bei diesem Hähnchen hier weißt du, dass es vom Bauernhof kommt, dass es Halal geschlachtet wurde. Du weißt, dass es schmeckt, weil ich den ganzen Tag in der Küche gestanden habe, um dieses Essen zu kochen. Und jetzt willst du es nicht essen, weil du es sterben gesehen hast? eeeeeeeeeh Fatu.” Ich lache, weil ich realisiere, wie dumm das eigentlich ist und fange an zu essen.
Einer nach dem anderen verabschiedet sich meine Familie und es wird Zeit für mich und meine Geschwister, unsere Koffer zu packen und ins Bett zu gehen. Denn am Morgen fliegen wir nach Köln zu der deutschen und christlichen Hälfte meiner Familie. Das erfordert jedes Mal eine komplette Umstellung bez. die Erwartungen an mein Verhalten und an meinen Glauben.
Ich döse vor mich hin. Meine Gedanken streifen frei herum und da sehe ich das Hähnchen vor mir. Weinend fragt es mich, wie ich es einfach kaltblütig essen konnte. Ich versuche mich zu entschuldigen, doch dann, drrrriiinnnggg! drrriiinngg! Total erschrocken fahre ich hoch und brauche einige Sekunden, um zu realisieren, dass das alles ein Traum war.
Total überfordert, stehe ich auf, schaue auf die Uhr, 5 Uhr morgens! Ich wecke meine Geschwister und meine Tanti. Natürlich viel zu spät, sitzen wir im Huber. Zu spät, weil meine Tanti uns ein ganzes Mittagessen, inklusive Kochtöpfen machen musste (für einen 2 Stunden Flug!). Weil meine Schwester sich schminken musste und weil mein Bruder noch beten musste.
Am Flughafen verabschieden wir uns noch von meiner Tanti, die mir zärtlich ins Ohr flüstert, dass sie das Hähnchen von gestern extra für mich warm gemacht habe. Gespielt sauer lächel ich sie an und verabschiede mich. Als wir uns alle verabschiedet haben, muessen wir mit unseren Koffern, Taschen und zwei Kochtöpfen zum Gate rennen.
Endlich im Flugzeug sitzend, versuche ich mich auf meine weiße Oma und ihre Kultur einzustellen, während Kadisha sich weiter schminkt und Buba aus den Töpfen frühstückt.
Ende- vorerst
Denn bald nehme ich euch mit zu meiner Familie nach Köln.
Die Autorin
Mein Name ist Elli,
ich habe mich schon immer für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Kulturen Interessiert, vor allem da ich zwei und mehr verschiedene Kulturen rein geboren wurde.