Wenn ich keine Lust habe, bete ich auch nicht!
Beim besten Willen, kann ich meine Prinzipien nicht für meine Familie wegwerfen.
Ich liebe sie, aber ich glaube nicht daran und ich finde es nicht cool, dass sie es mir immer so aufzwingen wollen. Ich meine, mein ganzes Leben, haben sie mich nicht einmal gefragt, ob ich überhaupt Muslima bin. Also sage ich meiner Schwester, dass ich nicht mit beten werde.
Meine strengste Tanti hört das zufällig mit. Sie schaut mich durchdringend an und fragt, aus welchem Grund ich nicht in der Lage sei, Gott zu danken! Ich bekomme Angst. Ich habe schon immer irgendwie Angst vor ihr gehabt. Sie hat die Haltung und die Ernsthaftigkeit eines Soldaten. Ich bin mir sicher, ich habe sie noch nie lächeln gesehen. Wegen der Panik, sage ich wie aus Reflex, dass ich krank bin. Sie schaut mich misstrauisch an und fragt, was so schlimm sein kann, dass ich nicht zu Allah beten kann! Ich stottere etwas von Bauchschmerzen und das ich das Gefühl habe, gleich Kotzen zu müssen. Gott sei Dank lässt sie endlich nach und erwidert, dass ich mir einen Tee machen und nach dem Baby schauen solle, während alle beten.
Ich nicke, gehe in die Küche, mache mir einen Tee, nehme meine kleine Cousine auf den Schoß und setz mich ins Wohnzimmer. Dort schauen wir unserer Familie zu, wie sie ihre Teppiche ausrollen, dann ihre Augen schliessen und anfangen für sich zu murmeln. Dann knien sie sich mehrfach hin und stehen dann wieder auf. Als ich ein Kind war dachte ich immer, ich würde etwas falsch machen oder das Allah nicht mit mir reden wolle. Um ehrlich zu sein, meistens habe ich mich gelangweilt und mich meiner Fantasie hingegeben. Was bei den Sonntags Besuchen in der Kirche, den Gebeten vor dem Abendessen oder dem Schlafengehen nicht anders war. Außer, dass es sich um ein anderen Gott gehandelt hat.
Nach dem Beten ist es Zeit zu Essen. Meine Tanti kommt mit einer riesigen Schüssel voller Essen ins Wohnzimmer. Auf dem Berg von Reis liegt ein Hühnchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um das Hähnchen handelt, dessen Tod ich heute zum Frühstück sehen durfte. Desto länger ich darüber nachdenke, desto schlechter wird mir. Während ich in meinen Gedanken versunken bin, fangen alle an zu essen. Meine Tanti reisst mich aus meiner Gedankenwelt und sagt ich solle essen. Ich schaue das Hühnchen mitleidig an und sie fängt an zu lachen. Lächelnd schaut sie mich an und sagt ”Fatu, du hast schon so oft Hähnchen gegessen. Bei diesem Hähnchen hier weißt du, dass es vom Bauernhof kommt, dass es Halal geschlachtet wurde. Du weißt, dass es schmeckt, weil ich den ganzen Tag in der Küche gestanden habe, um dieses Essen zu kochen. Und jetzt willst du es nicht essen, weil du es sterben gesehen hast? eeeeeeeeeh Fatu.” Ich lache, weil ich realisiere, wie dumm das eigentlich ist und fange an zu essen.
Einer nach dem anderen verabschiedet sich meine Familie und es wird Zeit für mich und meine Geschwister, unsere Koffer zu packen und ins Bett zu gehen. Denn am Morgen fliegen wir nach Köln zu der deutschen und christlichen Hälfte meiner Familie. Das erfordert jedes Mal eine komplette Umstellung bez. die Erwartungen an mein Verhalten und an meinen Glauben.
Ich döse vor mich hin. Meine Gedanken streifen frei herum und da sehe ich das Hähnchen vor mir. Weinend fragt es mich, wie ich es einfach kaltblütig essen konnte. Ich versuche mich zu entschuldigen, doch dann, drrrriiinnnggg! drrriiinngg! Total erschrocken fahre ich hoch und brauche einige Sekunden, um zu realisieren, dass das alles ein Traum war.
Total überfordert, stehe ich auf, schaue auf die Uhr, 5 Uhr morgens! Ich wecke meine Geschwister und meine Tanti. Natürlich viel zu spät, sitzen wir im Huber. Zu spät, weil meine Tanti uns ein ganzes Mittagessen, inklusive Kochtöpfen machen musste (für einen 2 Stunden Flug!). Weil meine Schwester sich schminken musste und weil mein Bruder noch beten musste.
Am Flughafen verabschieden wir uns noch von meiner Tanti, die mir zärtlich ins Ohr flüstert, dass sie das Hähnchen von gestern extra für mich warm gemacht habe. Gespielt sauer lächel ich sie an und verabschiede mich. Als wir uns alle verabschiedet haben, muessen wir mit unseren Koffern, Taschen und zwei Kochtöpfen zum Gate rennen.
Endlich im Flugzeug sitzend, versuche ich mich auf meine weiße Oma und ihre Kultur einzustellen, während Kadisha sich weiter schminkt und Buba aus den Töpfen frühstückt.
Ende- vorerst
Denn bald nehme ich euch mit zu meiner Familie nach Köln.
Die Autorin