Diskriminierung in Kinderbüchern
Inhalt des Lernfeldes
Kinderbücher gibt es noch und nöcher. Als Eltern wollen wir unsere Kinder in eine Welt voller Fantasie eintauchen lassen, wir wollen sie mit Hilfe von Büchern inspirieren und motivieren. Wenn wir dann aber mal genauer hinschauen: was lesen wir eigentlich vor?
Die meisten Kinderbücher sind inhaltlich komplett ‘veraltet’, d.h. Diskriminierung findet auf allen Ebenen statt. Immer mehr Menschen wehren sich dagegen und wollen gleichwertig anerkannt werden.
Die Debatte, über die Überarbeitung des diskriminierenden Wortschatzes in so vielen Kinderbüchern, läuft auf hohen Touren. Es gibt viele Gegner:innen dieser Bewegung.
Tatsächlich fühlen sich viele Menschen von dem Streben nach Toleranz und Akzeptanz (Inklusivität) aller Menschen bedroht…
“....In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts You Gov zeigte sich, dass 70 Prozent der befragten Deutschen dagegen sind, die Kinderbücher zu ändern. Vor allem für dunkelhäutige Menschen ist diese Haltung unverständlich. Viele empfinden nicht nur die betreffenden Wörter, sondern auch die Diskussion als kränkend und haben den Eindruck, dass ihre Gefühle dabei nicht berücksichtigt werden. Man darf gespannt sein, wie die Debatte ausgeht. Doch allein, dass dieses Thema die Menschen so sehr bewegt, findet die Journalistin Barbara John vom Tagesspiegel wichtig: „Diese Diskussion ist wertvoll, denn sie hält uns einen Spiegel vor Augen….“
Darf man alte Kinderbücher sprachlich überarbeiten oder ist das Zensur?” Kristina Wydra, August 2013
Um Diskriminierung in Kinderbüchern erkennen zu können, ist der erste Schritt, tatsächlich zu verstehen, was der Begriff Diskriminierung bedeutet:
“Diskriminierung ist die Benachteiligung, Ausgrenzung oder Demütigung von Menschen aufgrund von deren Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder aufgrund der Annahme, dass sie zu dieser Gruppe gehören.”
Sobald mensch sich selbst mit einer bestimmten Diskriminierung konfrontiert sieht, fällt auf, dass es im Leben so vieler Menschen der Alltag ist.
Als Mutter Schwarzer Kinder/ Mädchen, habe ich sehr früh erkannt, dass es kaum positive Vorbilder für sie gibt. Dabei ist es so wichtig, dass Kinder sich auf natürliche Weise, also im Alltag widergespiegelt sehen.
Meistens gibt es in den Büchern keine Menschen mit dunkler Haut, auch nicht- christliche, nicht-hetero und nicht Mama-Papa Haushalt fehlen meistens. Und wenn sie sichtbar werden, dann im ‘anders-sein’ Kontext. Auch die Darstellung der Mädchen und Frauen ist viel zu häufig sexistisch..
Kinderwelten: Vorurteilsbewusste Kinderbücher
Sexismus in Kinderbüchern
“Sexismus ist eine Art von Diskriminierung.
Sexismus bedeutet die Benachteiligung, Abwertung, Verletzung und Unterdrückung einer Person oder einer Gruppe aufgrund des Geschlechts.
Sexismus ist auch die Vorstellung, dass Geschlechter eine Ordnung oder Reihenfolge haben. Zum Beispiel die Vorstellung, dass Männer mehr wert sind als Frauen.”
So ist der typische Verlauf vieler Märchen, die in den meisten Familien in Deutschland vorgelesen und durch die Medien verbreitet werden.
“Fiktive Helden sind meistens männlich, in Erwachsenen- ebenso wie in Kindergeschichten. Und wenn doch mal eine weibliche Person die Hauptrolle spielt, ist genau das das Besondere an ihr: Dass sie eine Frau ist. Traurige Wahrheit: Heldinnen und Schurkinnen sind eher die Ausnahme als die Regel. Diese gefühlte Wahrheit bestätigte eine Studie des "Observer". Demnach hat sich in Kinderbüchern bis zum Jahr 2017 nichts an der klassischen Rollenverteilung geändert. So seien die Hauptcharaktere in den meistverkauften Bilderbüchern doppelt so oft männlich wie weiblich. Bei Schurken ist die Wahrscheinlichkeit sogar achtmal so groß, dass es sich um einen Er handelt.”
Sexismus im Kinderbuch, Brigitte
Mädchen nur als etwas zartes, hilfloses, immer lächelndes und vergebendes ES (das Mädchen) darzustellen, das nur auf ihre Erlösung durch einen Typen wartet, ist eine erniedrigende Art, heranwachsenden Frauen zu vermitteln, welches ihr zugewiesener Platz in der Gesellschaft sein soll.
Diese Einstellung ändert sich langsam, aufgrund vieler Autorinnen, die Mädchen und Frauen in ihren Geschichten stärken. Dadurch wird immer „normaler“, dass Mädchen/Frauen nicht als schwach angesehen werden, aber es ist noch ein weiter Weg…
Warum rettet immer das Männchen das Weibchen? Aus Erfahrung muss ich einwerfen, dass ich mehr Frauen kenne, die Männer „gerettet“ haben….
Werden Bösewichte dargestellt, sind sie in den meisten Fällen Jungen oder Männer (selten ist es ein Mädchen / eine Frau), das lässt es so erscheinen, als ob es durchaus akzeptabel ja sogar erstrebenswert sei, kriminell und aggressiv aber auch stark und dominant, zu sein, wenn ER erwachsen ist.
“Als toxische Männlichkeit bezeichnet man ein destruktives Verhalten von Männern, das schädlich für sie selbst und für andere ist. Toxische Männlichkeit speist sich aus vermeintlichen Vorgaben, wie ein Mann sein soll, was er zu fühlen und wie er sich zu verhalten habe.
Pippi Langstrumpf galt in der damaligen Zeit (1941 erschien das Buch und 1968 die erste Verfilmung) revolutionär als ein starkes, unabhängiges Mädchen. Für viele ist sie das immer noch. Trotzdem sie herausragt als das starke Mädchen, ist doch auffällig, dass ihre Freundin die Rolle der Bewunderin hat. Somit steht sie als starkes Mädchen alleine da und ragt als etwas Besonderes heraus, anstatt das Mädchen Stärke als Teil der allgemeinen Gesellschaft rüberzubringen.
Ein bekanntes Zitat von Astrid Lindgren lautet: „Ich habe mich immer darüber geärgert, wie man Frauen behandelt. Oft hatte man das Gefühl, es gäbe nur ein Geschlecht, die Männer.“ Für ihre Zeit, war Astrid Lindgren eine Vorreiterin, aber es war eben eine Zeit in der Frauen in Deutschland beispielsweise ohne Erlaubnis ihres Ehemannes weder einen Arbeitsvertrag unterschreiben durften, noch ein Bankkonto eröffnen (das wurde 1977 geändert).
Pippis Herkunft bleibt ungewiss; sie erzählt von einer bewegten Vergangenheit auf hoher See, mit der sie ihre mangelnde Erziehung entschuldigt. Ihre Mutter ist schon lange tot, und ihr Vater, der jahrelang als Piratenkapitän die Weltmeere umsegelte, lebt nach ihren Angaben als ,N-könig‘ auf einer Südseeinsel.
Die Problematik diese Buches liegt also nicht nur im ‘Anders-sein’ als Mädchen, sondern es ist außerdem kolonial- rassistisch, mehr zum Thema ‘Rassismus in Kinderbüchern’ weiter unten.
Maisha Maureen Eggers über Kinderbücher und Empowerment
Meine Schwarze Tochter gab sich als Kleinkind damit zufrieden, dass weisse Mädchen/junge Frauen in Büchern und Filmen die Heldinnen sind. Sie hungerte regelrecht nach weiblichen Charakteren, die nicht als schwach und unterwürfig dem Mann gegenüber erschienen. Darüber hinaus akzeptierte sie, dass, wenn überhaupt ein Schwarzes Mädchen vorkam, dieses nur eine kleine Nebenrolle hatte.
Dann entdeckte sie ‘Dora, die Entdeckerin’ und wurde ihr größter Fan.
Endlich gab es starke weibliche Hauptrollen, die nicht weiss waren! Der Druck,’ weiss- sein’ zu müssen, ist bis heute ein Thema für meine Kinder. Die konstante Gegensteuerung als Elternteil, kann echt frustrierend sein.
“Das nennt man wahre Frauenpower: Diese weiblichen Hauptcharaktere kämpfen wie wahre Mädchen – und das ist im Jahr 2021 keineswegs mehr eine geschmacklose Anschuldigung, sondern ein wohlwollendes Kompliment! Bereits in ihrem zarten Alter zeigen uns diese Heldinnen, was es heißt, Mut und Stärke zu beweisen!”
Die Zeiten ändern sich und in mancher Beziehung positiv.
Selbst Disney hat inzwischen begriffen, dass Mädchen auch in der Lage sind, das Böse zu besiegen, sogar ohne einen Prinzen an ihrer Seite!
Seit ein paar Jahren wächst die Auswahl an Kinderfilmen und Kinderbüchern mit empowerenden Vorbildfunktionen für alle Mädchen.
Inklusion ist aktuell und es gibt Buchverlage, die wunderschöne Bestände zu diesem Thema gelistet haben.
Rassismus in Kinderbüchern
“Rassismus ist eine Art von Diskriminierung. Durch Rassismus werden Menschen zum Beispiel wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Haare, ihres Namens oder ihrer Sprache diskriminiert, ausgegrenzt und abgewertet.
Rassismus ist die Erfindung, dass es bei Menschen unterschiedliche „Rassen“ gibt. Und Rassismus ist die Erfindung, dass diese „Rassen“ eine Ordnung oder eine Reihenfolge haben. Rassismus diskriminiert Menschen.”
“Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bestätigen heute: Die Erfindung der „Rassen“ ist falsch. Es gibt bei Menschen keine „Rassen“. Weil die Erfindung falsch ist, steht das Wort „Rasse“ in Anführungszeichen.”
Rassismus/pbp.d
Tupoka Ogette über Kinderbücher und Empowerment
Zusammenfassung
*In den Pippi Langstrumpf Filmen und -Büchern werden oft „andere“ Menschen, etwa die, die nicht in Europa leben, als explizit „anders“, „eigentümlich“, „fremd[artig]“ beschrieben.*
Vermittlung von Vorurteilen und Stereotypen im Kindesalter, Heimatkunde Böll
So selbstverständlich es ist, diskriminierend auf so vielen Ebenen Kinderbücher zu verfassen, so selbstverständlich sollte es sein, diese Schreibweisen, nicht nur zu überdenken, aber vor allem, zu korrigieren. In einer Zeit, wo viele Stimmen lauter geworden sind und sich zu Worte gemeldet haben (zum Glück), dass Gefühle auf sämtlichen Ebenen verletzt werden.
Simpler wäre es, sich nicht mit den Inhalten der veralteten/nicht vertretbaren Kinderbücher zu beschäftigen und stattdessen nur nach neueren Büchern zu suchen.
Doch auch die meisten neuen deutschen Kinderbücher sind voller stereotyper Figuren. Kinder aus Minderheiten finden sich kaum wieder und Perspektivenwechsel sind für Kinder aus der Mehrheitsgesellschaft kaum möglich. Die Hauptcharaktere sind oft weiß, männlich, dünn, ohne Behinderung, christlich, CIS, hetero, aus der Mittelschicht, Mama und Papa leben zusammen.
Wer sucht, findet heute zwar Bücher, in denen in Nebenrollen Vielfalt abgebildet wird oder die sich explizit mit dem Thema beschäftigen, allerdings mit dem ewigen Nachteil, dass Personen als „anders“ dargestellt werden. Selten sind Bücher, in denen Vielfalt als selbstverständlich vorkommt. Den meisten weissen Menschen fällt diese Tatsache nicht auf, deren Realität ist eben weiss.
Wenn Kinder sich in keinster Weise widergespiegelt sehen, dann empfinden sie das als nicht gesehen werden und das bringt Konsequenzen mit sich.
Das Selbstbewusstsein hat keine Chance auf Entwicklung. Stattdessen findet eine Selbsthinterfragung statt (im negativen Sinne), die in allzu vielen Fällen zu Depressionen, Angstzuständen, ‘Bauchschmerzen’ oder etlichen anderen Symptomen führt..
Wenn allerdings nichts hinterfragt wird, geht der Kreislauf von Diskriminierung ganz selbstverständlich weiter, auch in Kinderbüchern.
Durch die Globalisierung fühlt sich die Welt immer kleiner an und auf diesem Weg verlinken sich alle Menschen weltweit untereinander. Jetzt erst recht ist es umso wichtiger, Kinderbücher und Kindermedien generell unter die Lupe zu nehmen und diese für jedes Publikum aktiv/positiv zu besetzen.
Die Repräsentation aller Menschen, auf diesem Planeten respektvoll und liebevoll, Kindern zu vermitteln, ist ein wichtiger Schritt in eine gerechte Welt.
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Die Referentin
Ich bin Isabelle Kane, in Berlin geboren. Ich bin mit meinem alleinerziehenden, antifaschistischen Vater aufgewachsen.
Meine Kindheit war sehr bewegungsreich, sodass ich schon früh mit vielen verschiedenen Kulturen in Berührung kam. Mit 32 Jahren hatte ich in Italien, Deutschland, Los Angeles, Manchester, London und Dakar gelebt.
Ich habe mich bewusst für England entschieden, um meine Schwarzen Kinder zu begleiten.
Ich sah, dass dort die Repräsentation von Schwarzen Menschen die Norm war.
2010 kehrten meine Kinder und ich nach Berlin zurück.
Nachdem wir uns eingelebt hatten, suchte ich nach Gleichgesinnten, die ebenfalls positive Veränderungen bewirken und geschützte Räume für unsere Kinder finden wollten.
2013 begann ich mit Global New Generation Berlin e.V. zu arbeiten, deren Gründerin wie ich Mutter afro-europäischer Kinder ist .
Der Schwerpunkt liegt auf der Beseitigung aller Formen der „Othering”. Unsere Kinder verdienen es, gesehen und gehört zu werden. Als weiße Mütter Schwarze Kinder großzuziehen, ist eine fortwährende, augenöffnende Erfahrung. Unsere Kinder sind täglich sowohl mit
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Quellangaben
https://www.alumniportal-deutschland.org/deutschland/kultur/filmfestival-film-festival/kinderbuecher-zensur
https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-in-einfacher-sprache/331402/sexismus
https://www.brigitte.de/familie/schlau-werden/sexismus-im-kinderbuch–schurken-sind-meistens-jungs-11046844.htm
https://iam.dioe.at/frage-des-monats/warum-heisst-es-das-maedchen-und-nicht-die-maedchen
https://www.br.de/extra/respekt/toxische-maennlichkeit-rollenerwartungen100.html
https://www.grin.com/document/229910
https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-in-einfacher-sprache/322448/rassismus
https://de.wikipedia.org/wiki/Pippi_Langstrumpf
https://heimatkunde.boell.de/de/2014/Vermittlung von Vorurteilen und Stereotypen im Kindesalter
https://www.friedrich-verlag.de/deutsch/literatur/kinderbuchklassiker-keine-zeitlose-kunst-658