Mein Bruder soll das regeln

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Ich sage meinem großem Bruder Bescheid

Bei den Verkäufern in Saint Denis, musst du selbstbewusst zu dem Verkäufer gehen. Du sagst ihm, dass du die Tasche für einen Betrag kaufst, der ca 10-15 Euro niedriger ist, als das was du eigentlich bereit bist, zu zahlen. Dann handelt er ein bisschen hoch, bis du bei dem Betrag bist, den du eigentlich bereit bist, zu zahlen. Zusätzlich musst du aber, egal wie gern du die Tasche haben willst, immer so tun, als ob du auch ohne Leben könntest. 

Aber das ist mir jetzt einfach zu anstrengend. Also erkläre ich Buba unauffällig, dass ich diese Tasche haben will. Er schaut zu dem Taschen Verkäufer. Als dieser uns sieht, ruft er uns sofort zu sich, wir winken ab, aber er will einfach nicht nachlassen. Als ich ihm gerade erklären will, dass ich später wiederkommen werde, höre ich plötzlich ein Schreien von oben. 

Verwirrt schaue ich auf und sehe einen Mann auf dem Dach, der irgendwas schreit und sofort weiss ich was los wa.r Ein Späher, der die Fake-Sachen-Verkäufer warnt, wenn er die Polizei sieht. Als ich mich wieder umdrehe, sind alle 50 Männer, die vor zwei Sekunden noch hier standen, inklusive ihrer Waren verschwunden. 

Als wir weiter laufen, an der Polizei vorbei, muss ich schmunzeln. Meine Cousine ziehtmich zu ein paar Frauen, die an der Straße sitzend ihr Geld mit dem Verkauf von Kolanüssen, gebratenen Mais und von Bissap verdienen. Bissap ist ein afrikanisches Getränk, dass in jedem Land, anders heisst. Das hat zu einigen Streitigkeiten geführt, da jeder meint, er habe den einzig richtigen Namen dafür. Bei meiner Familie heisst es jedenfalls Bissap und ist total lecker. Als wir uns alle eine Flasche gekauft haben, gehen wir weiter.

Als wir weiter, auf der Rue de la Republique laufen, die voller farbenfroher Afroshops ist, sehe/höre ich einen brüllenden Mann, der Coupons für ein Friseursalon anpreist. Ich lächele ihn an, sofort kommt er auf mich zu und bemerkt,  wie trocken meine Haare sind und dass sie das beste “Beurre de karité” auf der Welt haben, was zufällig, perfekt für meine Haarstruktur ist. Noch bevor ich antworten kann, werde ich aus dem Nichts am Arm gezogen. 

Ehe ich mich versehe, werde ich in einem Friseursalon auf ein Stuhl gedrückt. Dann kommt eine Frau und fängt einfach  an meine Haare zu machen. Total überfordert schaue ich sie an. 

Da kommt meine Cousine in den Laden und brüllt mich und die Friseuse an. Dann zieht sie mich aus dem Laden, während die Friseuse hinter uns her schreien, dass wir bezahlen müssen. 

Als wir endlich aus dem Laden sind, motzt meine Cousine mich weiter an. Wie dumm ich gewesen sei, weil ich den brüllenden Mann angeschaut und mit ihm geredet habe. Ich versuche ihr zu erklären, dass doch nicht wissen kann, dass er mich gleich mitreissen wuerde und  sie mich nicht so anschreien brauche! Sie erklärt mir, dass diese Leute nach Anzahl ihrer Kunden bezahlt werden und auch noch total wenig. “Wenn man sie anschaut, mit ihnen redet, gehen sie davon aus, dass sie dich als Kunde gewinnen können, egal ob du willst oder nicht. Denn die Menschen, die mit gesenkten Blick an ihnen vorbeigehen und sie ignorieren, das schon kennen.”

Kadisha erklärt mir, dass sie ab einem bestimmten Punkt, Geld für das Haare machen verlangen, egal ob du gekidnappt wurdest oder nicht. 

Ich lache nur und sage: “Das kann gar nicht sein, das ist auch sicher nicht legal.”  Jetzt schaut sie mich an und lacht. 

Auf der Rue de la Republique, machen wir dann noch ein paar Einkäufe, hauptsächlich Sachen, die man in Deutschland nicht kaufen kann: Vor allem Haar und Körpercremes, aber auch Essen und Kleidung.

 

Als wir gegen Abend ca. drei Stunden zu spät, zu Hause ankommen, sind erst  einige wenige aus meiner Familie da, da sie auch alle immer zu spät sind. 

Ich begrüße meine Tantis mit drei Wangenküssen, abwechselnd auf jede Seite, meine Cousinen mit einem Kuss auf jeder Seite. Meinen Onkels und Cousins gebe ich die Hand.

Alle Männer setzen sich ins Wohnzimmer, während ich den Frauen in die Küche folge. Dort drückt mir meine Tanti ein Tablet mit Nanei Tee in die Hand und ich bringe es ins Wohnzimmer und setze mich zu den anderen. 

Mein Onkel fängt an, den Tee von ca. 1m entfernung, in die kleinen Teegläser, die aussehen wie Shotgläser, zu schütten. Dann kippt er den Tee wieder in die Kanne und dann von Glas zu Glas.Das macht er jeden Abend für ca. zwei Stunden. 

Nanei Tee ist eine Art super starker Grüntee. Wenn man 4 Teegläser trinkt, ist man die ganze Nacht wach. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum sie das jeden Abend trinken. 

Ich werde von der tiefen Stimme meines Onkels aus den Träumen gerissen, der mich fragt, warum ich eigentlich noch keinen Mann habe und kein Kopftuch trage. Ich antworte ihm, wie immer, nämlich dass ich noch viel zu jung bin (was für das Kopftuch leider nicht mehr zieht). Dann fängt er mal wieder von meiner perfekten Cousine an, die schon verlobt ist und immer voll bekleidet ist, nicht so wie ich. 

Meine Cousine und ich sind ungefähr gleich alt. Wir haben früher immer zusammen gespielt. Sie ist hier aufgewachsen, bei meiner strengsten Tanti und ich in Berlin bei meiner super liberalen Mutter. 

Früher haben wir uns immer zusammen darüber geärgert, dass wir alles machen muessen, weil wir die jüngsten Mädchen sind und unsere Brüder nichts. Jedes Mal wenn ich sie besuchen gekommen bin, sind wir immer unterschiedlicher geworden.

Sie wurde perfekt in den Augen meiner Familie und ich zum schwarzen Schaf, weil ich Deutschland bei meiner weißen Mutter aufwachse. Ich erkläre meinem Onkel, dass ich nicht sie sei weil… ich zögere, ich kann hier nicht vor meiner ganzen Familie sagen, dass ich keine Muslima bin. Sie werden mich köpfen, vor allem nach dem meine Oma Fatu (meine Namensgeberin) vor so kurzer Zeit gestorben ist.

Meine Schwester Kadisha bricht die Stille und sagt, dass Muslime in Deutschland immer benachteiligt werden. Das ist natürlich genau das, was meine Familie hören will. Ich nicke nur und lächel. 

Meine Familie glaubt, Deutschland sei super rassistisch. Aber Deutschland war eigentlich voll ok.Klar, habe ich einige rassistische Erfahrungen gemacht, aber das war leider überall auf der Welt normal. Meine Familie glaubt, dass, weil hier so viele Afrikaner und Afrikanerinnen und Muslime sind, es keinen Rassismus gibt, was in meinen Augen totaler Schwachsinn ist. Hier gibt es eher strukturellen Rassismus z.B. Schwarze, die nur in Ghettos wohnen und nicht in die Innenstadt sollen. 

Total eingenommen von meinen Gedanken, merke ich irgendwann, dass alle langsam ins Badezimmer trudeln und ihre Teppiche Richtung Mekka ausrollen. Das bedeutet, es ist Zeit zu beten. Meine Schwester zieht mich ins Badezimmer und fängt an ihr Gesicht, ihre Füße und sich hinter den Ohren zu waschen. Ich habe eigentlich gar keine Lust zu beten, vor allem brauche ich dann auch ein Kopftuch, was meine Frisur ruiniert. Bis jetzt konnte ich dem immer ziemlich geschickt entgehen, aber jetzt ist meine ganze Familie da!

Entscheide Du für mich!

Soll ich einfach beten? Oder soll ich ehrlich sagen, dass ich echt keine Lust habe?

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