Nein, ich bin nicht seine Sklavin!
Ich bleib stark und sage ihm, er solle sich den Tee selber machen.
Meine ganze Familie schaut mich fassungslos an. Mein Onkel fängt an, in meiner Vatersprache zu schimpfen, obwohl er weiss, daß ich kaum was verstehe. Ich verstehe etwas wie: Respektlosigkeit gegenüber meiner Familie und meiner Kultur. Was für eine Schande es sei, dass ich den Namen meiner Großmutter trage und nicht meine perfekte Cousine.
Gleichzeitig hört meine Tanti an diesem Tag zum ersten Mal auf zu telefonieren. Nur um mir zu sagen, wie schlecht erzogen ich sei, weil ich meinem moslem- macho-Bruder, keinen Tee machen wolle. Und das es kein Wunder sei, da ich ja von einer Weißen erzogen wurde!
Nach 10 Minuten Schimpferei habe ich genug! Ich hole ihm einfach seinen Tee, während er mich widerlich triumphierend anlächelt. Auf dem weg in die Küche, höre ich noch ein wenig Gemecker und das legendäre Schnalzgeräusch meiner Tanti. Während ich den Tee mache, bereue ich schon fast meine Entscheidung. Klar mein Bruder war ein Arsch, aber ich hätte mir dieses Geschimpfe ersparen können. Im Endeffekt muss ich ihm sowieso seinen Tee machen.
Um 22 Uhr, als meine Tanti endlich fertig ist mit Kochen, essen wir nur noch.
In der Kultur meines Vaters, essen wir alle zusammen mit den Händen aus einer riesigen Schüssel. Das mag auf den ersten Blick sehr einfach erscheinen. Aber man darf nur mit der rechten Hand essen, nur in seinem Teil der Schüssel. Für das Essen mit Händen, gibt es eine bestimmte Taktik, bei der man nur seine Fingerspitzen nutzt. Das ist nicht so einfach!
Nach dem Essen gehe ich dann irgendwann ins Bett . Als ich gerade beim einschlafen bin, höre ich meine Tanti am Telefon sagen, wie gut erzogen mein Bruder Buba sei und dass er jederzeit willkommen sei. Sie weiss genau, dass ich es hören kann. Wahrscheinlich hören sie auch die Nachbarn, so laut wie sie immer telefoniert!
Ich kann das nur echt nicht nachvollziehen. Ich meine, ich helfe meiner Tanti andauernd in der Küche. Und Buba macht gar nichts! Und nur weil ich eine Sache für den faulsten Menschen der Welt nicht machen will, bin ich schlecht erzogen?
Als ich einschlafen will, schweifen meine Gedanken zu den Worten meines Onkels. Zu meinem Namen bzw. dem meiner Großmutter, dessen ich nicht würdig bin.
Meine Großmutter Fatu war eine unglaubliche Frau, die unsere riesige Familie, über drei Kontinente zusammen hielt, sie war die Perfekte Mutter Muslima und sogar Oma, bis sie letztes Jahr starb, was meine Familie bis heute nicht ganz verkraften kann.
Jetzt bin ich die Einzige in meiner Familie, die ihren Namen trägt und die Einzige, die niemals in die Nähe ihres Schattens kommen werde!
Ich liebe meine Familie und ich respektiere sie, aber ich konnte ihre Ansichten und ihren Glauben einfach nicht für mich entdecken, vor allem als Mädchen. Ich will kein Kopftuch tragen, möglichst wenig kochen und putzen, immer wiedersprechen und diskutieren und mein Leben unabhängig leben.
Für meinen Bruder Buba, der den Islam erst vor kurzen außerhalb der Grenzen für sich entdeckt hatte, ist das wie eine ganz andere Religion und Kultur. Er ist ein Mann, er hat ganze andere Verhaltenserwartungen: Er soll seinen beruflichen Träumen folgen und wird dabei durch z.B. seine Frau und Familie unterstützt. Während ich meine Träume an letzter Stelle haben soll. Und gleichzeitig soll ich dabei helfen, die Träume meines Mannes zu verwirklichen. Vielleicht bin ich ja selbstsüchtig, aber ich interessiere mich nun mal mehr für mich, als für eine Familie, die ich vielleicht niemals haben werde.”
Verloren in Gedanken schlafe ich irgendwann ein.
Am nächsten Morgen, wache ich mal wieder von lauten Geräuschen, etwas, das sich anhört wie ein Huhn, auf! Als ich aufstehe und in die Küche gehe, seh ich, wie meine Tanti gerade einem Huhn den Kopf abschlägt und allen ernstes dabei telefoniert.
Sie sieht mich und lächelt, während das Huhn noch weiter zuckt. Ich gucke sie nur komplett fassungslos an. Alles was sie sagt, ist, dass heute die Familie zu Besuch kommen werde und sie was leckeres kocht.
“Das ist nicht unbedingt das Erste was ich heute sehen wollte” sage ich. Sie schaut mich an und sagt, dass ich viel zu selten in Paris sei und zu einer Deutschen geworden wäre. Eine, die ihr Fleisch gern isst, aber nicht sehen will wo es herkommt! Dann hält sie ihr Telefon wieder ans Ohr und redet weiter.
Also gehe ich ins Wohnzimmer. Dort erwartet mich bereits meine Schwester Kadisha, um zu verkünden, dass wir gleich nach Saint Denis fahren würden. Ich solle mich vernünftig anziehen, vor allem weil die Familie auch heute Abend kommen werde.
Saint Denis ist sehr gefährlich. Aber ich liebe es dort, hauptsächlich wegen der Läden. Frankreich ist Deutschland in der Mode immer zwei Jahre voraus und ich liebe es, hier zu Shoppen. Außerdem bekomme ich hier Haarcremes, die für meine Haare gemacht sind und auch viel bessere Haare für Braids z.B..
Ungefähr vier Stunden später, weil bei meiner Familie alles ewig dauert, bin ich endlich im Bus, mit meiner Schwester Kadisha, meinem Bruder Buba und meiner Cousine Asiatou, die auf uns aufpassen soll.
Der Bus ist so unglaublich voll und das ist in Saint Denis andauernd so. Ich war in Deutschland noch nie in einem so vollen Bus. Dazu kommt noch, dass hier so viele Leute einfach absolut laut mit Lautsprecher telefonieren, oder ihre Netflix Serien ohne Kopfhörer gucken.
Meine Geschwister und ich, spielen das Spiel, welches wir früher immer spielten: Weiße Menschen zählen. Die Person, die den ersten findet, darf die anderen boxen. Ihr müsst wissen, wenn ihr in der Innenstadt von Paris seid, sind da nur weiße und Touris. Aber wenn du dich nur ein bisschen Richtung Ghetto bewegst, sind da gar keine mehr. Das sieht dort aus wie in Klein-Afrika.
Als wir endlich in der Einkaufsstraße (rue de la Republique) in Saint Denis ankommen, ist es supervoll. An den Seiten stehen ca. 50 Fake-Sachen Verkäufer. Die haben all ihre Gucci Gürtel und Louis Vuitton Taschen auf einer Decke mit zwei Griffen an der Seite, damit sie schnell wegrennen können, wenn die Polizei kommen wuerde. Aus dem Augenwinkel fällt mir eine total schöne Hermes Tasche auf. Früher hatte mein Bruder das Verhandeln immer für mich übernommen.
Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich das auch ohne ihn kann, immerhin reden wir hier davon eine Tasche zu kaufen!
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