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Ich gehe hin und kläre das selbst

Ich schaue mir die Tasche genauer an. 

Der Verkäufer merkt das natürlich sofort und ruft mich mit “Eyy Mademoiselle” zu sich. Unsicher gehe ich auf ihn zu und frage, wieviel sie kostet. Der Verkäufer guckt mich überrascht an und sagt: “100 Euro.” 

Ich weiss, dass diese Taschen einen Herstellungswert von ca. 10 Euro haben, was ich ihm auch sage, aber ich merke schnell, dass er mich nicht ernst nimmt, denn  er geht auf 90 Euro runter und ich habe schon viel bessere Fälschungen für 20 oder 30 Euro bekommen. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich nicht dumm bin und keine 90 Euro bezahlen werde. Aber er will nicht mit sich handeln lassen.  Gleichzeitig ist er super aufdringlich. Er erzählt mir, dass wir ja eine Familie sind und er das Geld dringend braucht.

Das geht ewig so weiter. Ehrlich gesagt, ist das auch irgendwie meine Schuld: Er merkt mir offensichtlich an, wie gerne ich die Tasche haben will. 

Als ich es nach gefühlt einer Stunde mühsam auf 45 Euro runtergehandelt habe, höre ich ein Schreien von oben. Verwirrt schaue ich auf und sehe einen Mann auf dem Dach, der irgendwas schreit und sofort weiss ich was los ist.

Das ist der Späher der die Fake-Sachen-Verkäufer warnt, wenn er die Polizei sieht. Als ich mich wieder umdrehe sind 50 Männer, inklusive ihrer Waren, einfach verschwunden. Sogar der, der noch vor drei Sekunden direkt vor mir stand , ist weg. 

Schmunzelnd laufe ich an der Polizei vorbei und suche meine Familie. Sie stehen bei einer Frau, die wie viele andere Frauen, Geld mit dem Verkauf von Kolanüssen, gebratenen Mais und von Bissap verdienen. Bissap ist ein afrikanisches Getränk, dass echt in jedem Land anders heißt. Das hat zu einigen Streitigkeiten geführt, da jeder meint, er habe den einzig richtigen Namen dafür! Bei meiner Familie, heisst das jedenfalls Bissap und ist total lecker. Als wir uns alle eine Flasche gekauft haben, gehen wir weiter. 

Ich erzähle meiner Cousine von der Tasche. Und sie lacht mich einfach aus, weil ich den Verkäufer gefragt habe, wieviel die Tasche kostet. Sie sagt, wenn ich so auftrete, ist es kein Wunder, dass ich verarscht werde. “Man geht zu dem Verkäufer und erklärt ihm mit Nachdruck, dass man die Tasche für den niedrigsten Betrag kauft, der einem so einfällt. Dann handelt er ein bisschen hoch, bis du bei dem Betrag bist, den du eigentlich bereit bist zu zahlen. Wenn Du  ihn aber nach dem Preis fragst, geht er davon aus, dass du nicht von hier bist, vor allem mit Akzent. Dann will er nicht runterhandeln, aber dich auch nicht gehen lassen,”erklärt sie mir.

Als wir weiter, auf der Rue de la Republique laufen, die voller farbenfroher Afroshops ist, sehe/höre ich einen brüllenden Mann, der Coupons für ein Friseursalon anpreist. Ich lächele ihn an, sofort kommt er auf mich zu und bemerkt,  wie trocken meine Haare sind und dass sie das beste “Beurre de karité” auf der Welt haben, was zufällig, perfekt für meine Haarstruktur ist. Noch bevor ich antworten kann, werde ich aus dem Nichts am Arm gezogen. 

Ehe ich mich versehe, werde ich in einem Friseursalon auf ein Stuhl gedrückt. Dann kommt eine Frau und fängt einfach  an meine Haare zu machen. Total überfordert schaue ich sie an. 

Da kommt meine Cousine in den Laden und brüllt mich und die Friseuse an. Dann zieht sie mich aus dem Laden, während die Friseuse hinter uns her schreien, dass wir bezahlen müssen. 

Als wir endlich aus dem Laden sind, motzt meine Cousine mich weiter an. Wie dumm ich gewesen sei, weil ich den brüllenden Mann angeschaut und mit ihm geredet habe. Ich versuche ihr zu erklären, dass doch nicht wissen kann, dass er mich gleich mitreissen wuerde und  sie mich nicht so anschreien brauche! Sie erklärt mir, dass diese Leute nach Anzahl ihrer Kunden bezahlt werden und auch noch total wenig. “Wenn man sie anschaut, mit ihnen redet, gehen sie davon aus, dass sie dich als Kunde gewinnen können, egal ob du willst oder nicht. Denn die Menschen, die mit gesenkten Blick an ihnen vorbeigehen und sie ignorieren, das schon kennen.”

Kadisha erklärt mir, dass sie ab einem bestimmten Punkt, Geld für das Haare machen verlangen, egal ob du gekidnappt wurdest oder nicht. 

Ich lache nur und sage: “Das kann gar nicht sein, das ist auch sicher nicht legal.”  Jetzt schaut sie mich an und lacht. 

Auf der Rue de la Republique, machen wir dann noch ein paar Einkäufe, hauptsächlich Sachen, die man in Deutschland nicht kaufen kann: Vor allem Haar und Körpercremes, aber auch Essen und Kleidung.

Als wir gegen Abend ca. drei Stunden zu spät, zu Hause ankommen, sind erst  einige wenige aus meiner Familie da, da sie auch alle immer zu spät sind. 

Ich begrüße meine Tantis mit drei Wangenküssen, abwechselnd auf jede Seite, meine Cousinen mit einem Kuss auf jeder Seite. Meinen Onkels und Cousins gebe ich die Hand.

Alle Männer setzen sich ins Wohnzimmer, während ich den Frauen in die Küche folge. Dort drückt mir meine Tanti ein Tablet mit Nanei Tee in die Hand und ich bringe es ins Wohnzimmer und setze mich zu den anderen. 

Mein Onkel fängt an, den Tee von ca. 1m entfernung, in die kleinen Teegläser, die aussehen wie Shotgläser, zu schütten. Dann kippt er den Tee wieder in die Kanne und dann von Glas zu Glas.Das macht er jeden Abend für ca. zwei Stunden. 

Nanei Tee ist eine Art super starker Grüntee. Wenn man 4 Teegläser trinkt, ist man die ganze Nacht wach. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum sie das jeden Abend trinken. 

Ich werde von der tiefen Stimme meines Onkels aus den Träumen gerissen, der mich fragt, warum ich eigentlich noch keinen Mann habe und kein Kopftuch trage. Ich antworte ihm, wie immer, nämlich dass ich noch viel zu jung bin (was für das Kopftuch leider nicht mehr zieht). Dann fängt er mal wieder von meiner perfekten Cousine an, die schon verlobt ist und immer voll bekleidet ist, nicht so wie ich. 

Meine Cousine und ich sind ungefähr gleich alt. Wir haben früher immer zusammen gespielt. Sie ist hier aufgewachsen, bei meiner strengsten Tanti und ich in Berlin bei meiner super liberalen Mutter. 

Früher haben wir uns immer zusammen darüber geärgert, dass wir alles machen muessen, weil wir die jüngsten Mädchen sind und unsere Brüder nichts. Jedes Mal wenn ich sie besuchen gekommen bin, sind wir immer unterschiedlicher geworden.

Sie wurde perfekt in den Augen meiner Familie und ich zum schwarzen Schaf, weil ich Deutschland bei meiner weißen Mutter aufwachse. Ich erkläre meinem Onkel, dass ich nicht sie sei weil… ich zögere, ich kann hier nicht vor meiner ganzen Familie sagen, dass ich keine Muslima bin. Sie werden mich köpfen, vor allem nach dem meine Oma Fatu (meine Namensgeberin) vor so kurzer Zeit gestorben ist.

Meine Schwester Kadisha bricht die Stille und sagt, dass Muslime in Deutschland immer benachteiligt werden. Das ist natürlich genau das, was meine Familie hören will. Ich nicke nur und lächel. 

Meine Familie glaubt, Deutschland sei super rassistisch. Aber Deutschland war eigentlich voll ok.Klar, habe ich einige rassistische Erfahrungen gemacht, aber das war leider überall auf der Welt normal. Meine Familie glaubt, dass, weil hier so viele Afrikaner und Afrikanerinnen und Muslime sind, es keinen Rassismus gibt, was in meinen Augen totaler Schwachsinn ist. Hier gibt es eher strukturellen Rassismus z.B. Schwarze, die nur in Ghettos wohnen und nicht in die Innenstadt sollen. 

Total eingenommen von meinen Gedanken, merke ich irgendwann, dass alle langsam ins Badezimmer trudeln und ihre Teppiche Richtung Mekka ausrollen. Das bedeutet, es ist Zeit zu beten. Meine Schwester zieht mich ins Badezimmer und fängt an ihr Gesicht, ihre Füße und sich hinter den Ohren zu waschen. Ich habe eigentlich gar keine Lust zu beten, vor allem brauche ich dann auch ein Kopftuch, was meine Frisur ruiniert. Bis jetzt konnte ich dem immer ziemlich geschickt entgehen, aber jetzt ist meine ganze Familie da!

Entscheide Du für mich!

Soll ich einfach beten? Oder soll ich ehrlich sagen, dass ich echt keine Lust habe?

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