Inhalt des Lernfeldes
Rassismus : ein paar Definitionen
Wir (BDB e.V.) definieren Rassismus als ein bestimmtes Muster der Ausgrenzung, Hierarchisierung, Ungleichbehandlung oder Demütigung von Menschen aufgrund von äußerlichen Merkmalen. Diese Merkmale werden dann meist mit Gruppenkategorien wie „Ethnie”, „Nation”, „Kultur” oder „Religion” verbunden. Diese Gruppenkategorien werden häufig noch immer als biologische, homogene und unveränderbare Kategorien von Menschen verstanden.
„Rassismus ist der Prozess, in dem Menschen aufgrund tatsächlicher oder vermeintlicher körperlicher oder kultureller Merkmale (z. B. Hautfarbe, Herkunft, Sprache, Religion) als homogene Gruppen konstruiert, (…) bewertet und ausgegrenzt werden.“
Quelle: Glossar des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit e.V.
Ebenso kann Rassismus folgendermaßen beschrieben werden:
Rassismus ist die Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft bzw. bestimmter körperlicher Merkmale, die von der Dominanzgesellschaft als „Anders“, als nicht der Norm entsprechend, wahrgenommen werden
Merkmale /Beispiele: Hautfarbe, Haarstruktur, Augenformen…
Quelle: ManuEla Ritz/Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V.
Schaut euch hierzu auch unser Lernfeld zum Thema Diskriminierung an, in dem es ebenfalls um Normierungs- und Otheringprozesse geht.
Rassismus ist auch die ideologische Denk- und Sichtweise, nach der Menschen durch bestimmte Verhaltensweisen, Gesetze, Organisationsstrukturen, kulturelle Bilder und Anschauungen hierarchisiert werden. Als weiß gelesene Menschen erhalten hierbei eine Vielzahl von Privilegien, die nicht-weiß gelesenen Menschen vorenthalten werden. Letztere erleben stattdessen auf unterschiedlichen Ebenen Ausgrenzung und Benachteiligung.
In diesem Video von ERKLÄR MIR MAL findet ihr ebenfalls eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Rassimus
Rassismus und Kolonialgeschichte
Diese ideologische Denk- und Sichtweise, wie wir sie in Europa kennen, sowie die damit verbundenen Hierarchisierungen und Privilegierungen, wurden durch die europäische Kolonialgeschichte geprägt.
500 Jahre lang wurden Kolonialisierungen ganzer Kontinente durch Rassismus legitimiert. Dies geschah, indem weiße Menschen bei nicht-weißen Menschen eine biologische Unterlegenheit annahmen, während sie sich selbst als überlegen ansahen. Darum hegten sie einen universellen Machtanspruch, während sie nicht-weiße Menschen versklavten, die sich unterordnen mussten. So wurden Ausbeutung, Ressourcenplünderung und Gewalt gegen Einheimische gerechtfertigt.
In diesem Video von ERKLÄR MIR MAL findet ihr eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Kolonialismus
Rassismus gibt es weiterhin
Gerade aufgrund der deutschen Geschichte und der NS-Zeit ist es heutzutage gesellschaftlich nicht akzeptiert, eine offensichtlich rassistische Einstellung zu vertreten. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Rassismus mehr gibt.
Im Gegenteil: unsere Gesetze, organisationale Strukturen und Verhaltenserwartungen, die wir aneinander haben, sind weiterhin häufig von Bildern geprägt, die aus der Kolonialzeit stammen und über Generationen hinweg an uns weitergegeben worden sind. Diese Bilder werden oft als selbstverständlich wahrgenommen und nur selten hinterfragt. Sie sind deshalb schwer zu erkennen und demnach auch nur schwer veränderbar.
Nach wie vor sind die Medien, unsere Bildungsinhalte und unsere Gesetzgebung voller Vorurteile, die bis auf die Kolonialzeit zurückgehen. Noch immer werden bestimmte Menschen in Gruppen unterteilt, denen bestimmte Fähigkeiten und Charakterzüge unterstellt werden. In Schulbüchern und den Nachrichten findet sich deshalb noch immer oft das Bild von „den Afrikaner:innen“ oder „den Muslim:innen“. Dass es sich dabei nicht um homogene Gruppen sondern viele verschiedene Individuen handelt, rückt in den Hintergrund. Diese stereotypen Bilder können nur dann bekämpft und verändert werden, wenn sie aufgedeckt und der breiten Bevölkerung deutlich gemacht werden.
Das bedeutet:
- Rassismus ist ein gesellschaftliches Macht- und Unterdrückungssystem
- Rassismus wird immer aus einer nicht privilegierten, von der Gesellschaft entmachteten Position heraus erlebt
- Rassismus wirkt sowohl auf die Betroffenen als auch auf die Privilegierten
Was ist rassistische Diskriminierung?
Rassistische Diskriminierung definieren wir als die Ungleichbehandlung, Ausgrenzung oder Demütigung von Menschen aufgrund oder anhand von rassistischen Kategorien (Siehe Teil zu Diskriminierung oben). Diese Ausgrenzung kann sich für Nicht-Betroffenene als scheinbar harmloses Verhalten darstellen, wie zum Beispiel Kategorisierungen von „wir“ und „sie“, stereotypisierende Witze oder „gut gemeinte“ Gruppenbeschreibungen, wie „exotisch“ oder „temperamentvoll“. Allerdings sprechen diese Kategorisierungen den Betroffenen eine individuelle Persönlichkeit oder Kompetenzen ab/zu und grenzen sie aus der „deutschen Gemeinschaft“ aus.
Gerade in ihrer Häufung ist dies eine sehr schmerzhafte Erfahrung für die Betroffenen. Außerdem schaffen diese rassistischen Verhaltensweisen, ob bewusst oder unbewusst, ob gewollt oder nicht, einen Nährboden für immer stärkere Formen der Diskriminierung.
Von einem schlechteren Zugang zu Bildung, Wohnraum oder zum Arbeitsmarkt über Racial Profiling und anlasslosen Verdächtigungen – bis hin zu gewalttätigen Angriffen, Morden und Völkermorden.
Das kann auch unabsichtlich passieren…
Es kann durchaus passieren, dass man zur Verstärkung von rassistischen Strukturen beiträgt ohne dies zu wollen. Zum Beispiel, wenn jemand einen Witz auf Kosten einer bestimmten Gruppe macht, oder sich ein Faschings-Kostüm anzieht, das eine Gruppe auf eine stereotypische und lächerliche Art und Weise darstellt.
Hierdurch werden Bilder in der Gesellschaft gestärkt, die diese Menschen als lächerlich darstellen. Es wird vermittelt, dass es in Ordnung ist, sich über bestimmte Menschen lustig zu machen und sie zu entwerten. Das mag „nur so als Spaß“ gemeint sein, aber solche tief in der Gesellschaft verankerten Bilder haben einen großen Einfluss darauf, wie bestimmte Gruppen in bestimmten Settings wahrgenommen werden. Zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche. Deshalb ist es schwer für Betroffene, dies „nur als Spaß“ zu empfinden und nicht als eine Beleidigung, die sie „an ihren Platz weist” und reale Auswirkungen auf ihre Lebensrealität hat.
Rassistische Diskriminierung bedeutet u.a.
- Vorenthaltung von Ressourcen
- Sicherung von Privilegien
- z.B. in Bezug auf Wohnraum, Arbeit, Wissen, Informationszugang, Sicherheit, Zugehörigkeit
sie kann unterschiedlich ausgeübt werden
- subtil oder ausdrücklich
- verbal oder nonverbal
- absichtlich oder unabsichtlich
Rassismus: Tabu-Wort?
Der alte, biologisch begründete Rassismus der NS-Zeit wird nicht mehr akzeptiert.
Aufgrund der NS-Zeit wird Rassismus in Deutschland häufig mit dem alten, biologisch begründeten Rassismus zusammen gedacht. Dieser hat Menschen in Gruppen unterteilt, denen aufgrund körperlicher Unterschiede wie der Hautfarbe oder Augenform bestimmte Charakterzüge und Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Diese Gruppen wurden dann als höher- oder minderwertig hierarchisiert. Im kolonialen Geschehen dienten diese Kategorisierungen einzig und allein dem Zweck, die Herrschaftsansprüche weißer Europäer:innen und die daraus resultierenden Privilegien sowie die gleichzeitige Versklavung und Ausbeutung der Kolonisierten zu rechtfertigen. Rassismus ist also nicht „einfach so“ entstanden, sondern wuchs aus spezifischen wirtschaftlichen und territorialen Interessen weißer Menschen.
Nach dem zweiten Weltkrieg und vor allem im Zuge der Bürgerrechtsbewegungen in den Jahrzehnten danach wurde diese Art von Rassismus nicht mehr als legitim gesehen (AAPA 2019). Auch die wissenschaftliche Forschung hat immer wieder bestätigt, dass es keine (biologisch gegebenen) menschlichen Rassen an sich gibt, weil die Unterschiede innerhalb einer definierten Gruppe größer und vielfältiger sind als zwischen den Gruppen (LIvingstone 1962, Lewontin 1972, Fischer et al. 2019).
Nicht nur Rechtsextremismus, sondern auch Alltagsrassismus ist gefährlich
Heute wird das Wort Rassismus in Deutschland immer noch vordergründig mit der NS-Zeit bzw. mit rechtsradikalen Gewalttätigen am Rande der Gesellschaft in Verbindung gebracht. Allerdings ist der (auch unreflektierte) Alltagsrassismus, der von “ganz normalen Menschen” scheinbar harmlos gemeint ist und der tagtäglich ausgeübt wird, für die meisten Betroffenen die viel prägendere und entwürdigendere Erfahrung. Alltägliche, eigentlich gut gemeinte Aussagen und Fragen wie „Du sprichst aber gut Deutsch“ oder „Wann gehst du zurück in deine Heimat?“ suggerieren der angesprochenen Person, dass sie nicht hierher gehöre. Auch übergriffige Handlungen, wie das ungefragte Greifen in Afrohaare, zeigen der Person, dass sie „anders“ ist.
Gleichzeitig erziehen Strukturen und Handlungen des Alltagsrassismus die Gesellschaft dazu, bestimmte Gruppen als “anders” und nicht norm-konform, sogar als “nicht normal”, “nicht ganz geheuer” oder nicht vertrauenswürdig zu sehen. Wenn es darum geht, Sündenböcke für die eigenen Probleme zu finden, werden deshalb häufig diese Gruppen als erstes dafür verantwortlich gemacht. Der Rassismus lenkt in diesem Fall den Blick von der eigenen Verantwortlichkeit weg. Es wird so getan, als kämen bestimmte negative Erscheinungen, z. B. Kriminalität, nur gehäuft innerhalb dieser Gruppen vor, als seien sie nicht mindestens genauso Teil und Problem der weißen Mehrheitsgesellschaft.
Da Alltagsrassismus von den meisten nicht als solcher erkannt wird, wird er auch nicht hinterfragt oder als gefährlich eingestuft. Tatsächlich aber bietet er Nährboden und Rechtfertigung für extremere Fälle von Einschüchterung und Gewalt.
Deshalb ist es wichtig, den Blick nicht nur auf die extremen Fälle von Rechtsradikalismus zu richten, sondern auch Alltagsrassismus als eigenes, wirkungsmächtiges Phänomen (im Sinne von Prävention) gezielt zu bekämpfen.
Der Inhalt dieses Lernfeldes wurde vom BDB e.V - Bund für Anti-Diskriminierungs- und Bildungsarbeit erarbeitet
Seit 24 Jahren gegen Diskriminierung!
BDB e.V. hat sich seit 1996 zum Ziel gesetzt, die Ausgrenzung und Diskriminierung von sog. „Minderheiten“ in der Gesellschaft zu überwinden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Arbeit gegen Rassismus / ethnische Diskriminierung. Wir möchten ein Bewusstsein und eine Sensibilisierung für die Themen Diskriminierung und Rassismus in der Gesellschaft fördern und an verschiedenen Stellen für ein gleichberechtigtes Miteinander eintreten. Wir wollen Betroffene begleiten und sie darin unterstützen sich stärker in der Gesellschaft zu beteiligen.
Wir sehen unsere Arbeit für einen gerechtes und respektvolles Miteinander als ein Beitrag zum friedlichen Zusammenleben und zur Entwicklung einer lebendigen und bereicherten Gesellschaft. Wir arbeiten in Reaktion auf konkrete Diskriminierungsfälle, aber ebenso schwerpunktmäßig präventiv um Rassismus und andere Formen von Diskriminierung zu verhindern, z.B. durch Sensibilisierung sowie Forderungen nach mehr Gerechtigkeit bei der Gesetzgebung und in institutionellen Strukturen.
Unsere Arbeitsschwerpunkte sind Antidiskriminierungsberatung, Trainings und Workshops, sowie Netzwerk- und Lobbyarbeit. Unser Anspruch ist es die unterschiedlichen Arbeitsbereiche miteinander abzustimmen, damit Lerneffekte und Synergien entstehen. Wir richten unseren Blick nicht nur auf die individuelle, sondern ebenso auf die politische und institutionelle Ebene der Diskriminierung.
Dieses Lernfeld wurde erstellt mit freundlicher Unterstützung von:
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Die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe wieder.
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